Rede zum Jahrestag des antisemitischen Anschlags in Halle

von Benjamin Damm – AG debate.
11. Oktober 2020

Jüdinnen und Juden, unter ihnen einige Kinder, verbarrikadieren sich an ihrem höchsten Feiertag in einer Synagoge und singen gegen ihre Angst an, weil draußen ein Nazi um sich schießt, und mit allen Mitteln versucht hinein zu kommen um sie zu töten. Das ist nicht achtzig Jahre her, sondern auf den Tag genau eins. Der Täter schaffte es nicht in die Synagoge, und tötete stattdessen Jana L. und Kevin S.. Unsere Gedanken sind heute bei Allen, die an diesem Tag getötet, verletzt und bedroht wurden, sowie bei ihren Angehörigen.Doch auch wenn dies eine Gedenkveranstaltung ist, möchte ich ein paar Worte zur aktuellen Situation sagen:

Im Nachgang des Attentats schallten, neben Floskeln der Anteilnahme und Forderungen nach mehr Polizei, auch vielfach „Gemeint sind wir Alle“-Chöre durch den Äther der Sozialen Medien. Doch gemeint sind nicht wir alle. Denn wer von uns wird, egal was man macht oder nicht macht, zur Zielscheibe irrationaler Aggressionen, die von Verschwörungsmythen befeuert werden? Wer von uns wird immer wieder als wahnhafte Projektion für alles Böse auf der Welt stilisiert – ob von Rechten, Linken, Islamisten oder aus der Mitte der bürgerlichen Gesellschaft?Antisemitismus ist nicht Salon-Fähig geworden, er ist nie nicht-salonfähig gewesen. Und wir alle sind Teil der Verhältnisse, die diesen Umstand hervorbringen. Die Meisten von uns waren nicht gemeint. Die beiden Todesopfer von Halle waren eine Notlösung für den Attentäter, da er nicht in die Synagoge kam. Dort imaginierte er sich den Hort der Weltverschwörung, die er mit allen Mitteln stoppen wollte. Ja, er war auch Rassist und Antifeminist, aber die treibende Kraft war führ ihn der Antisemitismus. Und dieser zielt nicht auf uns alle, sondern hat sein Hassobjekt längst gefunden: Jüdinnen und Juden.Doch im Taumel der Betroffenheit wähnt man sich lieber als Opfer, als sich eingestehen zu müssen, Teil des Problems zu sein.

Eike Geisel schrieb 1982:
„Zum neuen Nationalismus in der Bundesrepublik, einem Produkt der Krise, gehört auch Antisemitismus. […] In der falschen Antwort auf den Massenmord: nämlich in der Einbildung, gute Juden zu schaffen, statt in der Realität die schlechten Deutschen abzuschaffen, lag schon der künftige Umschlag ins gefährliche Ressentiment beschlossen.“

Der Ministerpräsident von Sachsen Anhalt, Reiner Haseloff, bestätigte dies, als er vor ein paar Tagen, ZU Yom Kippur IN der Synagoge von Halle sagte, dass der Anschlag nicht passiert wäre, wenn es „mehr Versöhnung“ gäbe. Sind jetzt „die Juden“ auch noch schuld an „den Nazis“, die sie töten wollen? Die Richterin im Halle-Prozess meinte doch tatsächlich zum Attentäter, dass er doch mal zum Tag der offenen Tür hätte in die Synagoge gehen können, um mal zu sehen, dass das alles „ganz nette Menschen“ wären. Diese Aussage ist dermaßen zynisch, dass man das Gericht glatt mit einer Standup-Comedy-Show verwechseln könnte. Wären die Deutschen damals einfach mal zu Kaffee und Kuchen zu ihren jüdischen Nachbarn gegangen, vielleicht hätten sie sie ja gar nicht verraten, gefoltert, erniedrigt und in ihren Tod deportieren lassen… Und einem Attentäter, der einzig an der geschlossenen Tür scheiterte zu sagen, er solle zum Tag der offenen Tür gehen, beschreibt beispielhaft den deutschen Kampf gegen Antisemitismus. Der sarkastische Tweed, dass eine Tür ein besserer Schutz vor antisemitischen Angriffen sei, als 99 Prozent der Deutschen, wird hier bitter real.

Die Krone setzte dem Ganzen Sachsen-Anhalts Innenminister Holger Stahlknecht von der CDU auf als er meinte, Bürger seien schlechter geschützt, da Polizeibeamte vor jüdischen Einrichtungen abgestellt, und dadurch überlastet seien. Damit wird nicht nur suggeriert, dass Jüdinnen und Juden schuld daran wären, dass sich die Polizei nicht mehr um die Belange der übrigen Bevölkerung kümmern könne, sondern es wird ihnen eine privilegierte Behandlung unterstellt, die jedes antisemitische Ressentiment befeuert. Anstatt zu kritisieren, dass Streifenwagen vor Synagogen keine Lösung für grassierenden Antisemitismus sind, werden Betroffene gegen andere Bevölkerungsgruppen ausgespielt.

Geisel schrieb weiter:
„Die immer wieder bekräftigte Versicherung, es gehe bei derlei „Vergangenheitsbewältigung“ doch um die Opfer, ist wahr und falsch zugleich. Falsch, weil in der Regel nicht von den Tätern und den fortexistierenden Bedingungen für ihre Verbrechen gesprochen wird; wahr ist die Behauptung, weil allein durch den Nachweis, das Opfer habe sich durch bestimmte Eigenschaften auch dazu gemacht, das namenlose Grauen gemildert werden und gar einen Sinn ergeben könnte.“

Der Umgang mit dem Attentat, das heute vor einem Jahr stattfand, und ein Großteil dessen, was sich „Erinnerungskultur“ nennt machen deutlich, wie wenig sich viele mit dem Thema auseinandersetzen wollen. Für die Meisten scheint Antisemitismus erst an der Rampe von Auschwitz anzufangen – erst wenn Jüdinnen und Juden sterben wird man aktiv. Deutsches Erinnern heißt: sich durch die Ritualisierung des Gedenkens an das Unbegreifliche zu immunisieren. Doch, so richtig und wichtig der Satz „Es ist geschehen, folglich kann es wieder geschehen“ auch ist – es müssen nicht erst wieder Konzentrationslager gebaut werden, damit der Antisemitismus zu einem mörderischen wird.

Also: Was tun?

Die Zahlen angeblicher Einzelfälle von Rechtsradikalen in der Polizei, die in Chatgruppen ihrem Rassismus und Antisemitismus freien Lauf lassen, häufen sich. In Halle reagierte die Polizei erst nach mehreren Anrufen; in Chemnitz stellte ein Journalisten-Team fest, dass die Akten zu den antisemitischen Angriffen auf das Restaurant „Schalom“ leer waren; in anderen Fällen wurden die Angegriffenen als Aggressoren ausgemacht, festgehalten und verhört, während die Täter unbehelligt entkommen konnten. Offensichtlich nicht die Beste Adresse im Schutz vor antisemitischen Übergriffen.
Bildungsprogramme, die vor 10 oder 20 Jahren schon bitter nötig gewesen wären, bewegen sich heute vielerorts zwischen Ehrenamt und geringen Honorarleistungen. Prestige-trächtige Projekte werden hier und da mal mehr gefördert, damit man gute Mine machen kann, doch eine tiefere Auseinandersetzung findet selten statt. Recherche- und Meldestellen sind chronisch Unterbesetzt und Neutralitätsgesetze machen den Unterricht zu solchen Themen schwer, falls er denn stattfinden sollte. Wenn es dann wieder irgendwo zu einem Übergriff kommt, oder überraschenderweise auch Antisemiten auf Verschwörungs-Demos auftauchen, werden hier und da die Rufe nach Aufklärungsarbeit laut, oder Lichterketten organisiert – mir ist jedoch kein Fall bekannt, in dem ein Antisemit aufgrund einer Lichterkette von Gewalt abgesehen hat. Doch statt feste Stellen in der Bildungsarbeit zu schaffen und mehr Fördergelder herauszugeben, wird der Echo abgeschafft, weil antisemitische Rapper da auftraten. Oder es wird über „Cancle Culture“ debattiert, wenn eine unlustige Komödiantin versucht, ihren Antisemitismus in Witzen zu verstecken. Aber all diese Kunst- oder Wasauchimmer-Schaffenden treten weiter auf, können sich als Opfer inszenieren, während man ihnen die beste kostenlose Werbung ihres Lebens liefert. Scheinbar ist gerade in Deutschland Einbildung auch eine Bildung – und das eingebildete Frei von Schuld sein wichtiger als alles andere.

Denn es geht wenn dann nur um den Antisemitismus der anderen, nie um den eigenen.

Vor wenigen Tagen – am 4. Oktober – wurde vor der Hamburger Synagoge ein jüdischer Student von einem Mann in Militärklamotten mit einer Schaufel angegriffen. Am selben Tag wurden auf einer linken Demonstration in Frankfurt antisemitische Parolen skandiert. Kurz zuvor wurde ein koscheres Restaurant in Paris mit Hakenkreuzen beschmiert, sowie mit dem Spruch „Hitler hatte recht!“. In Berlin wurde die Mesusah (also die Schriftkapsel am Eingang) der Synagoge Tiferet Israel aufgebrochen, und das darin liegende Pergament mit Hakenkreuzen beschmiert. Ein jugendlicher Rechtsradikaler aus Westfalen wurde vor wenigen Tagen verhaftet, weil er Sprengstoffanschläge auf Synagogen und Moscheen geplant hatte. Das sind nur die Vorfälle der letzten Woche! Dazu die unzähligen Vorfälle – in Wort, Bild und Tat, auf den sogenannten Coronademos und den dazu kursierenden Verschwörungsmythen, antisemitische Karikaturen in großen Zeitungen und ein omnipräsentes, geradezu obsessives Bedürfnis, den jüdischen Staat kritisieren zu müssen – wobei man allzu gerne Kritik mit Delegitimation verwechselt. Antisemitismus findet nicht irgendwo an irgendeinem Rand der Gesellschaft statt, sondern mittendrin – in der Nachbarschaft, am Stammtresen, am Arbeitsplatz, in der Schule oder der Uni. Das Gerede von Einzeltätern ist ein Märchen! Diese Leute sind nicht einfach „verwirrte Spinner“, sondern handeln aus einer Ideologie heraus, die tief in unserer Gesellschaft verwurzelt ist bzw. aus der Ideologie der Gesellschaft an sich resultiert!

Als solche MUSS der Antisemitismus verstanden werden, um ihm entgegen arbeiten zu können!

Wir werden den Kampf gegen Antisemitismus wohl nicht gewinnen. Es ist utopisch zu denken, dass Bildungsarbeit oder Veranstaltungen wie diese etwas daran ändern. Doch wir dürfen nicht damit aufhören, und nicht müde werden. Dafür steht zu viel auf dem Spiel! Wir müssen immer und überall widersprechen, anprangern und skandalisieren. Und vor allem müssen wir endlich begreifen, dass nicht wir alle gemeint sind, sondern nur ein paar – und die gilt es zu schützen! Doch dies nicht in einem paternalisitsch-bevormundenen Sinne, sondern vor Allem in der Reflexion auf uns selbst, und im Versuch die Verhältnisse zu Überwinden, aus denen der Antisemitismus hervorgeht!

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