Statement: Von Fischen, Katzen und Zugezogenen

Sollte ein so genannter „Zugezogener“ Oberbürgermeister einer Stadt werden dürfen oder nicht? Als ob es derzeit keine anderen, relevanteren Probleme gäbe, beschäftigte diese Frage Dr. Thomas Feist, Kreisvorsitzender der CDU Leipzig sowie sächsischer Landesbeauftragter für Jüdisches Leben und gegen Antisemitismus am vergangenen Sonntag. „Wenn eine Katze im Fischladen Junge bekommt, sind das dann Fische?“ fragte er im Leipziger Fernsehen am Abend des Zweiten Wahlgangs zur OBM-Wahl in Leipzig.


So absurd es erscheinen mag, aber stellen wir uns auch einmal die Frage: braucht man quasi „Leipziger Gene“, muss man die raue Luft der Leipziger Straßen schon in der Wiege geatmet, das „Leipziger Allerlei“ von klein auf verinnerlicht haben, um ein „guter Oberbürgermeister“ zu sein? Oder kann man auch als „Zugezogener“ – quasi Außenseiter, nicht qua Geburt legitimierter – verstehen was für Leipziger*innen gut ist und was nicht? Kann man überhaupt da zuhause sein, wo man sich wohlfühlt, und sich eben auch dort einbringen? Oder geht das nur da, wo der Zufall die Mutter zum Gebären zwang?
Jetzt mal ernsthaft: Ist das wirklich eine Frage, mit der man sich heute beschäftigen muss? Ist es wirklich nötig zu erklären, was daran problematisch ist? Offensichtlich, denn auf erste Kritik reagierte Thomas Feist via Twitter mit einem Video, in dem der Komiker Eberhard Cohrs die Frage nach Katze und Fisch stellte, und bezeichnete keck seine Kritiker als „Kulturbanausen“. Dass Eberhard Cohrs Angehöriger der Waffen-SS war und als SS-Rottenführer zur Wachmannschaft des Konzentrationslagers Sachsenhausen gehörte, schien Feist kurzerhand entfallen zu sein. Denn als Beauftragter für Jüdisches Leben war dies hoffentlich nicht die „Kultur“ von der er sprach.
Doch auch dass der Pegida-Gründer Lutz Bachmann im Juli 2016 eben jene Frage nach Fisch und Katze twitterte, um gegen Geflüchtete zu hetzen, scheint Thomas Feist nicht zur Revidierung seiner Aussage zu bewegen. Stattdessen präsentiert er sich auf Twitter als Opfer und schreibt: „‘Ein Leipziger für Leipzig‘ ist etwas anderes als ‚Deutschland den Deutschen‘. Wer beides gleichsetzt unterstellt böswillig etwas falsches.“ Nein, lieber Herr Feist. Mal davon abgesehen, dass Sie das so nicht gesagt haben, sondern die Übersetzung der Katzenmetapher eher „Leipzig den Leipzigern“ ist; ist lokalpatriotisches Gehabe nichts anderes als (allgemein) patriotisches Gehabe: Die Überhöhung der eigenen Gruppe und der eigenen Identität, durch Herabsetzung und Ausgrenzung der „Anderen“. Dies dann auch noch am zufälligen Ort der Geburt festzumachen ist an Blödsinnigkeit kaum zu übertreffen. Während die eigene Partei allerorts mit der AFD auf Kuschelkurs geht noch solche Aussagen, ganz im AFD-Duktus, zu tätigen, hinterlässt einen üblen Beigeschmack. Vom Grundverständnis ist es auch weder besonders christlich noch demokratisch, eine pluralistische Gesellschaft derart zu verneinen – dann bleibt der CDU nur noch die Union. Hurra Hurra, wir sind wieder wer.
Wenn sie das Gedankenexperiment wagen wollen, sich einmal vorzustellen wie Leipzig ohne Einflüsse aus anderen Städten, anderen Regionen, anderen Ländern und Kulturen aussähe? Dann wäre es wohl nur bei der Kleinmesse geblieben und Leipzig nie zu einem wirtschaftlichen und kulturellen Hotspot geworden.

Wir haben bisher die Zusammenarbeit mit Ihnen als Beauftragten für Jüdisches Leben und gegen Antisemitismus als sehr angenehm und fruchtbar empfunden, und hätten diese gerne weiter ausgebaut. Jedoch sehen wir uns aufgrund der getätigten Aussagen dazu genötigt, erst einmal auf Abstand zu gehen. Wir wünschen uns eine ausführliche Stellungnahme Ihrerseits.

–> Text in der LIZ

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