Redebeitrag zum Gedenken anlässlich des Internationalen Gedenktags an die Opfer der Shoah und die Befreiung von Auschwitz – 27. Januar 2020

Unser Redebeitrag zur Gedenkkundgebung anlässlich des Internationalen Gedenktags an die Opfer der Shoah und die Befreiung von Auschwitz durch die Rote Armee:

„Wir sind heute hier zusammen gekommen, um zu gedenken. Um an den größten Zivilisationsbruch zu erinnern, den es gab – und den die meisten gerne aufgearbeitet wüssten, ohne sich ansatzweise mit dieser Aufarbeitung konfrontiert zu haben. Denn dieser Prozess bedarf mehr als ein paar niedergelegte Kränze und dazu gesprochene, meist gut klingende aber oft wenig sagende Worte. Mitnichten wollen wir den Grund und die Notwendigkeit unserer Zusammenkunft am heutigen Tage kleinreden oder gar negieren, doch bedarf es weit mehr, um „das Denken so einzurichten, dass Auschwitz nicht noch einmal sei, sich nicht wiederhole.“
Der Anschlag in Halle und die unzähligen, mittlerweile fast täglich stattfindenden, antisemitischen Anfeindungen und Angriffe machen deutlich, wie zugespitzt die Lage ist – zumindest sollte man meinen, dass sie das täten. Doch die Konsequenzen bleiben aus. An Jahrestagen wie dem heutigen werden Reden im Gedenken gehalten, oder bekannte Zitate getwittert… Aber an der Situation derer, die aktuell von Anfeindungen aus ähnlicher Motivation betroffen sind ändert sich wenig bis nichts. In Deutschland denkt man lieber an tote, anstatt an lebendige Juden.
Denn während Jüdinnen und Juden mit Schusswaffen, Messern, Tritten und Schlägen angegriffen, angespuckt, beleidigt und verhöhnt werden, während Verschwörungsmythen und Hassbotschaften das Internet fluten – währenddessen entscheiden Gerichte, dass man Antisemiten nicht mehr als Antisemiten bezeichnen darf, weil es ihren Ruf schädigen würde; Werten Gerichte einen Brandanschlag auf eine Synagoge als sog. „Israelkritik“; dürfen Nazis mit „nie wieder Israel“ Sprechchören durch Städte marschieren; Islamisten vor dem Brandenburger Tor Israelfahnen verbrennen und linke Gruppen Israelhasser an Universitäten zu Vorträgen einladen. Und während deutsche Politiker ungewöhnlich viele UN-Resolutionen gegen Israel mit beschließen, werden Vertreter des antisemitischen iranischen Terrorregimes von deutschen Politikern hofiert.
In Anbetracht der Zeit belassen wir es bei dieser knappen Aufzählung, auch wenn sich die Liste beliebig fortsetzen ließe. Doch wir denken, dass diese ausreicht um zu verdeutlichen, dass es mehr braucht, als Gedenkworte, um dem, von den überlebenden geforderten „nie wieder“ gerecht zu werden.

Der Antisemitismus war nie verschwunden, er weiß sich nur anzupassen. Unsere Aufgabe ist es, ihn zu entlarven und mit allen uns zur Verfügung stehenden Mitteln, auf allen Ebenen zu bekämpfen!

Dies gilt auch, und ins besondere, für den Israelbezogenen Antisemitismus – welcher sich so gerne hinter „Kritik“ versteckt. Doch wenn man den einzigen selbstbestimmten Schutzraum für Jüdinnen und Juden kritisieren will, sollte man nicht fragen ob man das darf – sondern warum man diese Obsession hat, ausgerechnet den Staat Israel angehen zu müssen. Denn in diesem, von wahnhaften Feinden umzingelten Staat, liegt die Lebensversicherung für Jüdinnen und Juden weltweit. Hier transformiert sich die bereits erwähnte Forderung „nie wieder“ zum notwendigen Leitgedanken „nie wieder wehrlos!“ – und auch das muss mit allen Mitteln unterstützt werden, so lange diese (durch den weltweit grassierenden Antisemitismus diktierte) Notwendigkeit besteht!

Friedrich Dürrenmatt illustrierte dies bereits 1976 in einem Essay, aus welchem folgendes Zitat stammt:

„Ich, der ich sonst für keinen Staat besonders eintrete, der ich sonst über Staaten nicht gerade zimperlich denke und über den Nationalismus ausgesprochen bösartig, stehe für Israel ein, weil ich diesen Staat für notwendig halte. […]
Die Vernichtungslager, wo jüdisches Volk unterging, ohne sich zu wehren, und der Aufstand des Warschauer Ghettos, wo jüdisches Volk vernichtet wurde, indem es sich wehrte, diese zwei fürchterlichen Möglichkeiten, die einem Volk am Ende bleiben, forderten, damit sie sich nicht wiederholen, den jüdischen Staat. […]
Einen erhabeneren Grund, einen Staat zu gründen, mag es geben, einen notwendigeren nicht.““

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