{"id":97,"date":"2021-06-07T12:07:45","date_gmt":"2021-06-07T10:07:45","guid":{"rendered":"https:\/\/agdebate.die-linke.cloud\/?p=97"},"modified":"2021-06-07T12:07:45","modified_gmt":"2021-06-07T10:07:45","slug":"zum-9-november-2020","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/agdebate.die-linke.cloud\/?p=97","title":{"rendered":"Zum 9. November 2020"},"content":{"rendered":"\n<p>Von Benjamin Damm &#8211; AG debate.<\/p>\n\n\n\n<p><em>\u201edi mayse iz gornisht freylekh<br>un iz nisht geven a mol<br>mir shreyn nokh in unzre keivar<br>un ir hobt geholfn hitleristen onezol\u201c [1]<br><br>\u201eDie Geschichte ist \u00fcberhaupt nicht sch\u00f6n<br>Und Sie ist es nie gewesen<br>Wir schreien immer noch in unseren Gr\u00e4bern<br>Und ihr habt bereitwillig den Hitleristen geholfen\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Nein, die Geschichte ist gar nicht sch\u00f6n:In der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 gingen in Deutschland mehr als 1.400 Synagogen in Flammen auf. Tausende von j\u00fcdischen Gesch\u00e4ften, Schulen und Betrieben wurden gepl\u00fcndert und zerst\u00f6rt. Es gab etliche Tote. In den darauffolgenden Tagen wurden etwa 30.000 j\u00fcdische M\u00e4nner von der Gestapo verhaftet und in die Konzentrationslager Buchenwald, Sachsenhausen und Dachau gebracht. Die Meisten kehrten nicht aus diesen Lagern zur\u00fcck. Es war geplant. W\u00e4hrend noch heute der Mythos des \u201espontanen Aufbegehren der Bev\u00f6lkerung\u201c kursiert, war diese Nacht der Wendepunkt, an dem sich die antisemitische Politik der Nationalsozialisten durchsetzte, und die Bev\u00f6lkerung diese nicht nur mit trug, sondern eifrig mitmachte. Es war der endg\u00fcltige Auftakt, der von Beginn an angestrebten Vernichtung alles J\u00fcdischen.<\/p>\n\n\n\n<p>Was machen wir mit dieser unsch\u00f6nen Geschichte?Vielerorts h\u00f6rt man von \u201eAufarbeitung der Vergangenheit\u201c. Doch was meint das? Meint es die ernsthafte Verarbeitung des Vergangenen, dass sein Bann gebrochen wird, durch ein neues Bewusstsein? Oder meint es, dass man lieber einen Schlussstrich ziehen will, die Erinnerungen wegwischen, weil es sich in ihrem Schatten so unangenehm leben l\u00e4sst?Die Mehrheit der Deutschen hat ihre Antwort l\u00e4ngst gefunden: Man hat seine Tage und Orte, an denen wichtig wirkende Leute wichtig klingende Worte sagen. Man inszeniert ein Gedenk-Brimborium, doch im Alltag hat es keinen Platz. Um den Schatten wurde eine Wand aus Denkm\u00e4lern gebaut, damit man ihn nicht sieht, wenn man ihn nicht sehen will.<\/p>\n\n\n\n<p>Um dies zu verdeutlichen, zwei Beispiele: <\/p>\n\n\n\n<p>Die Firma Topf&amp;S\u00f6hne baute in Erfurt die Krematorien f\u00fcr Buchenwald und Auschwitz. Doch nicht nur dies: Die Ingenieure forschten aus eigenem Antrieb, wie sie die Verbrennungs\u00f6fen effektiver machen konnten, w\u00e4hrend sie durchs Fenster bei gutem Wetter den Rauch vom Ettersberg aufsteigen sehen konnten. Nicht der Profit, sondern die \u00dcberzeugung machten sie zu Mitt\u00e4tern. Das Gel\u00e4nde ist Komplett abgerissen und neu bebaut worden. Einzig das ehemalige Verwaltungsgeb\u00e4ude ist als Gedenkst\u00e4tte erhalten worden \u2013 jedoch nur nach langem Kampf. Dass heute ein B\u00e4cker, der auf dem ehemaligen Firmengel\u00e4nde von Topf&amp;S\u00f6hne auf einer gro\u00dfen Werbetafel mit \u201eOfenfrischen Br\u00f6tchen\u201c wirbt, erscheint erst einmal banal \u2013 doch es verdeutlicht auch das mangelnde Geschichtsbewusstsein im Alltag. <\/p>\n\n\n\n<p>Noch deutlich wird es hier in Leipzig: Auf dem Gel\u00e4nde des gr\u00f6\u00dften Frauenau\u00dfenlagers des KZ Buchenwald in der Kamenzer-Stra\u00dfe finden immer wieder Neonazikonzerte statt. Au\u00dferdem trainiert ein rechtes Kampfsportteam an dem Ort, an dem die inhaftierten Frauen gezwungen wurden, unter schwersten Bedingungen Munition herzustellen.Dies sind nur zwei Beispiele von vielen. Das Gedenken wird institutionalisiert und ausgelagert \u2013 und verkommt damit zumeist zu einer Show der sch\u00f6nen Worte, das Vergangene wird f\u00fcr abgeschlossen erkl\u00e4rt, als h\u00e4tte es keine Auswirkungen ins Hier und Jetzt.<\/p>\n\n\n\n<p>Doch:<\/p>\n\n\n\n<p><em>\u201eDer Nationalsozialismus lebt nach, und bis heute wissen wir nicht, ob blo\u00df als Gespenst dessen, was so monstr\u00f6s war, da\u00df es am eigenen Tode noch nicht starb, oder ob es gar nicht erst zum Tode kam; ob die Bereitschaft zum Uns\u00e4glichen fortwest in den Menschen wie in den Verh\u00e4ltnissen, die sie umklammern.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>So schrieb Theodor W. Adorno in seinem Aufsatz \u201eWas bedeutet Aufarbeitung der Vergangenheit\u201c. Und genau damit wird sich eben nicht auseinandergesetzt \u2013 mit den Verh\u00e4ltnissen, in denen der Antisemitismus und der R\u00fcckfall in die Barbarei liegen.Stattdessen versucht man den zwei historischen Momenten des 9. November gleicherma\u00dfen zu gedenken: der Pogromnacht und dem Mauerfall. Doch das Eine unterliegt zwangsl\u00e4ufig, denn wer erinnert sich schon gerne an etwas Schlimmes, wenn es auch einen Grund zum feiern gibt. Man will dabei auch nicht erkennen, dass das eine aus dem anderen resultierte \u2013 die Mauer war eine Reaktion auf den Nationalsozialismus. Also ein doppelter Grund zum feiern: die permanent sichtbare Erinnerung an die deutschen Verbrechen ist weg, und kann im Nachgang als Symbol der eigenen Pein verkl\u00e4rt werden.<\/p>\n\n\n\n<p>Und es wird diskutiert, was das neue \u201eDeutschsein\u201c bedeutet, wobei man quietschvergn\u00fcgt \u00fcbersieht, wie das alte im neuen weiterlebt. Doch Hauptsache es geht um \u201euns\u201c &#8211; was auch immer dies sein soll. Denn wir sind \u201ewieder wer\u201c &#8211; Erinnerungsweltmeister Deutschland. Ja, es muss um uns gehen, sonst w\u00fcrde der Schatten, den wir so sch\u00f6n in Denkm\u00e4lern verpackt haben, wieder hervorkommen. Und wenn es nicht um uns geht, dann geht es um tote Juden \u2013 nicht um die Lebenden. Das Attentat von Halle, an dessen Jahrestag wir vor einem Monat gedacht haben, und der gesamte mediale wie politische Umgang damit, verdeutlichen dies. Sachsen Anhalts Ministerpr\u00e4sident will mehr Vers\u00f6hnung, der Innenminister weniger Polizei vor j\u00fcdischen Einrichtungen -da diese sonst nicht der restlichen Bev\u00f6lkerung helfen k\u00f6nnen, bei der Gedenkzeremonie in Halle wurde es untersagt Blumen und Kr\u00e4nze niederzulegen da Steinmeier zu Besuch kam, w\u00e4hrend die MLPD nebenan israelfeindliche Flyer verteilt. Der Prozess ist eine Farce, da Nebenkl\u00e4ger_innen und ihre Anw\u00e4lt_innen scheinbar die einzigen sind, denen an der l\u00fcckenlosen Aufkl\u00e4rung der Tathintergr\u00fcnde gelegen ist. Und daf\u00fcr, dass sie dies konsequent einfordern, geb\u00fchrt ihnen einiges an Anerkennung!<\/p>\n\n\n\n<p>Und heute? W\u00e4hrend jegliches Gedenken zum Jahrestag der Novemberpogrome coronabedingt abgesagt oder gar untersagt wurde, marschiert PEGIDA durch Dresden. W\u00e4re es nicht schon fast so etwas wie Normalit\u00e4t, w\u00e4re dies ein Skandal \u2013 und das ist der viel gr\u00f6\u00dfere Skandal!<\/p>\n\n\n\n<p>Und auch ein Gro\u00dfteil der deutschen Positionierungen zu Israel zeigen, wie man zu den noch lebenden J\u00fcdinnen und Juden steht. Die Notwendigkeit eines j\u00fcdischen Staates als Schutzraum vor weltweit grassierendem Antisemitismus wird nicht erkannt, genauso wenig dass israelische Panzer oder das Raketenabwehrsystem \u201eIron Dome\u201c die konsequente Antwort auf das, auf deutschen Gedenkfeiern mantraartig wiederholte, \u201eNie Wieder\u201c sind \u2013 n\u00e4mlich \u201eNie wieder wehrlos!\u201c. Stattdessen ergeht man sich in so genannter \u201eIsraelkritik\u201c, doch schon dass es f\u00fcr keinen anderen Staat auf der Welt einen festen Kritik-Begriff gibt, ist Ausdruck der Obsession, die dahinter liegt. Delegitimation und Doppelstandards sind keine Kritik! Doch \u201eam deutschen Wesen soll die Welt genesen\u201c &#8211; und als Erinnerungsweltmeister wissen Deutsche, wie man zu einer \u201eGuten Nation\u201c wird.<\/p>\n\n\n\n<p>Heute ist ein Gedenktag, doch wir sollten nicht nur an das Vergangene denken, sondern auch an das Gegenw\u00e4rtige und das Kommende. Wir m\u00fcssen uns die Frage stellen: In was f\u00fcr einer Gesellschaft wollen wir leben? Ich, f\u00fcr meinen Teil, in keiner, in denen J\u00fcdinnen und Juden auf gepackten Koffern sitzen, weil sie Angst vor rechtsradikalen oder islamistischen Angriffen haben, und weder aus der Linken noch aus dem Rest der Gesellschaft irgendeine Unterst\u00fctzung erfahren.Antisemitismus ist sowohl fester Bestandteil unserer Geschichte, als auch unserer Gegenwart. Wenn wir ihn nicht in unserer Zukunft haben wollen, sollten wir schleunigst damit anfangen, ihn zu benennen und zu bek\u00e4mpfen \u2013 egal von wem er ge\u00e4u\u00dfert wird!<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" width=\"960\" height=\"650\" src=\"https:\/\/agdebate.die-linke.cloud\/wp-content\/uploads\/2021\/06\/123799375_102514985010617_1602085410905311973_n.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-98\" srcset=\"https:\/\/agdebate.die-linke.cloud\/wp-content\/uploads\/2021\/06\/123799375_102514985010617_1602085410905311973_n.jpg 960w, https:\/\/agdebate.die-linke.cloud\/wp-content\/uploads\/2021\/06\/123799375_102514985010617_1602085410905311973_n-300x203.jpg 300w, https:\/\/agdebate.die-linke.cloud\/wp-content\/uploads\/2021\/06\/123799375_102514985010617_1602085410905311973_n-768x520.jpg 768w, https:\/\/agdebate.die-linke.cloud\/wp-content\/uploads\/2021\/06\/123799375_102514985010617_1602085410905311973_n-800x542.jpg 800w\" sizes=\"(max-width: 960px) 100vw, 960px\" \/><\/figure>\n\n\n\n<p>[1] <a rel=\"noreferrer noopener\" href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=isWyTHfZRo8\" target=\"_blank\">https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=isWyTHfZRo8<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Von Benjamin Damm &#8211; AG debate. \u201edi mayse iz gornisht freylekhun iz nisht geven a molmir shreyn nokh in unzre keivarun ir hobt geholfn hitleristen onezol\u201c [1] \u201eDie Geschichte ist \u00fcberhaupt nicht sch\u00f6nUnd Sie ist es nie gewesenWir schreien immer noch in unseren Gr\u00e4bernUnd ihr habt bereitwillig den Hitleristen geholfen\u201c Nein, die Geschichte ist gar nicht sch\u00f6n:In der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 gingen in Deutschland mehr als 1.400 Synagogen in Flammen auf. Tausende von j\u00fcdischen Gesch\u00e4ften, Schulen und Betrieben wurden gepl\u00fcndert und zerst\u00f6rt. Es gab etliche Tote. In den darauffolgenden Tagen wurden etwa 30.000 j\u00fcdische M\u00e4nner von der Gestapo<\/p>\n<p><a class=\"more-link\" href=\"https:\/\/agdebate.die-linke.cloud\/?p=97\">Weiterlesen<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[1],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/agdebate.die-linke.cloud\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/97"}],"collection":[{"href":"https:\/\/agdebate.die-linke.cloud\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/agdebate.die-linke.cloud\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/agdebate.die-linke.cloud\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/agdebate.die-linke.cloud\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=97"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/agdebate.die-linke.cloud\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/97\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":99,"href":"https:\/\/agdebate.die-linke.cloud\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/97\/revisions\/99"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/agdebate.die-linke.cloud\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=97"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/agdebate.die-linke.cloud\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=97"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/agdebate.die-linke.cloud\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=97"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}