{"id":93,"date":"2021-06-07T12:02:21","date_gmt":"2021-06-07T10:02:21","guid":{"rendered":"https:\/\/agdebate.die-linke.cloud\/?p=93"},"modified":"2021-06-07T12:02:21","modified_gmt":"2021-06-07T10:02:21","slug":"rede-zum-jahrestag-des-antisemitischen-anschlags-in-halle","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/agdebate.die-linke.cloud\/?p=93","title":{"rendered":"Rede zum Jahrestag des  antisemitischen Anschlags in Halle"},"content":{"rendered":"\n<p><em>von Benjamin Damm &#8211; AG debate.<\/em><br>11. Oktober 2020<\/p>\n\n\n\n<p>J\u00fcdinnen und Juden, unter ihnen einige Kinder, verbarrikadieren sich an ihrem h\u00f6chsten Feiertag in einer Synagoge und singen gegen ihre Angst an, weil drau\u00dfen ein Nazi um sich schie\u00dft, und mit allen Mitteln versucht hinein zu kommen um sie zu t\u00f6ten. Das ist nicht achtzig Jahre her, sondern auf den Tag genau eins. Der T\u00e4ter schaffte es nicht in die Synagoge, und t\u00f6tete stattdessen Jana L. und Kevin S.. Unsere Gedanken sind heute bei Allen, die an diesem Tag get\u00f6tet, verletzt und bedroht wurden, sowie bei ihren Angeh\u00f6rigen.Doch auch wenn dies eine Gedenkveranstaltung ist, m\u00f6chte ich ein paar Worte zur aktuellen Situation sagen:<\/p>\n\n\n\n<p>Im Nachgang des Attentats schallten, neben Floskeln der Anteilnahme und Forderungen nach mehr Polizei, auch vielfach \u201eGemeint sind wir Alle\u201c-Ch\u00f6re durch den \u00c4ther der Sozialen Medien. Doch gemeint sind nicht wir alle. Denn wer von uns wird, egal was man macht oder nicht macht, zur Zielscheibe irrationaler Aggressionen, die von Verschw\u00f6rungsmythen befeuert werden? Wer von uns wird immer wieder als wahnhafte Projektion f\u00fcr alles B\u00f6se auf der Welt stilisiert \u2013 ob von Rechten, Linken, Islamisten oder aus der Mitte der b\u00fcrgerlichen Gesellschaft?Antisemitismus ist nicht Salon-F\u00e4hig geworden, er ist nie nicht-salonf\u00e4hig gewesen. Und wir alle sind Teil der Verh\u00e4ltnisse, die diesen Umstand hervorbringen. Die Meisten von uns waren nicht gemeint. Die beiden Todesopfer von Halle waren eine Notl\u00f6sung f\u00fcr den Attent\u00e4ter, da er nicht in die Synagoge kam. Dort imaginierte er sich den Hort der Weltverschw\u00f6rung, die er mit allen Mitteln stoppen wollte. Ja, er war auch Rassist und Antifeminist, aber die treibende Kraft war f\u00fchr ihn der Antisemitismus. Und dieser zielt nicht auf uns alle, sondern hat sein Hassobjekt l\u00e4ngst gefunden: J\u00fcdinnen und Juden.Doch im Taumel der Betroffenheit w\u00e4hnt man sich lieber als Opfer, als sich eingestehen zu m\u00fcssen, Teil des Problems zu sein.<\/p>\n\n\n\n<p>Eike Geisel schrieb 1982:<br><em>\u201eZum neuen Nationalismus in der Bundesrepublik, einem Produkt der Krise, geh\u00f6rt auch Antisemitismus. [\u2026] In der falschen Antwort auf den Massenmord: n\u00e4mlich in der Einbildung, gute Juden zu schaffen, statt in der Realit\u00e4t die schlechten Deutschen abzuschaffen, lag schon der k\u00fcnftige Umschlag ins gef\u00e4hrliche Ressentiment beschlossen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Der Ministerpr\u00e4sident von Sachsen Anhalt, Reiner Haseloff, best\u00e4tigte dies, als er vor ein paar Tagen, ZU Yom Kippur IN der Synagoge von Halle sagte, dass der Anschlag nicht passiert w\u00e4re, wenn es \u201emehr Vers\u00f6hnung\u201c g\u00e4be. Sind jetzt \u201edie Juden\u201c auch noch schuld an \u201eden Nazis\u201c, die sie t\u00f6ten wollen? Die Richterin im Halle-Prozess meinte doch tats\u00e4chlich zum Attent\u00e4ter, dass er doch mal zum Tag der offenen T\u00fcr h\u00e4tte in die Synagoge gehen k\u00f6nnen, um mal zu sehen, dass das alles \u201eganz nette Menschen\u201c w\u00e4ren. Diese Aussage ist derma\u00dfen zynisch, dass man das Gericht glatt mit einer Standup-Comedy-Show verwechseln k\u00f6nnte. W\u00e4ren die Deutschen damals einfach mal zu Kaffee und Kuchen zu ihren j\u00fcdischen Nachbarn gegangen, vielleicht h\u00e4tten sie sie ja gar nicht verraten, gefoltert, erniedrigt und in ihren Tod deportieren lassen&#8230; Und einem Attent\u00e4ter, der einzig an der geschlossenen T\u00fcr scheiterte zu sagen, er solle zum Tag der offenen T\u00fcr gehen, beschreibt beispielhaft den deutschen Kampf gegen Antisemitismus. Der sarkastische Tweed, dass eine T\u00fcr ein besserer Schutz vor antisemitischen Angriffen sei, als 99 Prozent der Deutschen, wird hier bitter real.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Krone setzte dem Ganzen Sachsen-Anhalts Innenminister Holger Stahlknecht von der CDU auf als er meinte, B\u00fcrger seien schlechter gesch\u00fctzt, da Polizeibeamte vor j\u00fcdischen Einrichtungen abgestellt, und dadurch \u00fcberlastet seien. Damit wird nicht nur suggeriert, dass J\u00fcdinnen und Juden schuld daran w\u00e4ren, dass sich die Polizei nicht mehr um die Belange der \u00fcbrigen Bev\u00f6lkerung k\u00fcmmern k\u00f6nne, sondern es wird ihnen eine privilegierte Behandlung unterstellt, die jedes antisemitische Ressentiment befeuert. Anstatt zu kritisieren, dass Streifenwagen vor Synagogen keine L\u00f6sung f\u00fcr grassierenden Antisemitismus sind, werden Betroffene gegen andere Bev\u00f6lkerungsgruppen ausgespielt.<\/p>\n\n\n\n<p>Geisel schrieb weiter:<br><em>\u201eDie immer wieder bekr\u00e4ftigte Versicherung, es gehe bei derlei \u201eVergangenheitsbew\u00e4ltigung\u201c doch um die Opfer, ist wahr und falsch zugleich. Falsch, weil in der Regel nicht von den T\u00e4tern und den fortexistierenden Bedingungen f\u00fcr ihre Verbrechen gesprochen wird; wahr ist die Behauptung, weil allein durch den Nachweis, das Opfer habe sich durch bestimmte Eigenschaften auch dazu gemacht, das namenlose Grauen gemildert werden und gar einen Sinn ergeben k\u00f6nnte.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Der Umgang mit dem Attentat, das heute vor einem Jahr stattfand, und ein Gro\u00dfteil dessen, was sich \u201eErinnerungskultur\u201c nennt machen deutlich, wie wenig sich viele mit dem Thema auseinandersetzen wollen. F\u00fcr die Meisten scheint Antisemitismus erst an der Rampe von Auschwitz anzufangen \u2013 erst wenn J\u00fcdinnen und Juden sterben wird man aktiv. Deutsches Erinnern hei\u00dft: sich durch die Ritualisierung des Gedenkens an das Unbegreifliche zu immunisieren. Doch, so richtig und wichtig der Satz \u201eEs ist geschehen, folglich kann es wieder geschehen\u201c auch ist \u2013 es m\u00fcssen nicht erst wieder Konzentrationslager gebaut werden, damit der Antisemitismus zu einem m\u00f6rderischen wird. <\/p>\n\n\n\n<p><strong>Also: Was tun?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Die Zahlen angeblicher Einzelf\u00e4lle von Rechtsradikalen in der Polizei, die in Chatgruppen ihrem Rassismus und Antisemitismus freien Lauf lassen, h\u00e4ufen sich. In Halle reagierte die Polizei erst nach mehreren Anrufen; in Chemnitz stellte ein Journalisten-Team fest, dass die Akten zu den antisemitischen Angriffen auf das Restaurant \u201eSchalom\u201c leer waren; in anderen F\u00e4llen wurden die Angegriffenen als Aggressoren ausgemacht, festgehalten und verh\u00f6rt, w\u00e4hrend die T\u00e4ter unbehelligt entkommen konnten. Offensichtlich nicht die Beste Adresse im Schutz vor antisemitischen \u00dcbergriffen. <br>Bildungsprogramme, die vor 10 oder 20 Jahren schon bitter n\u00f6tig gewesen w\u00e4ren, bewegen sich heute vielerorts zwischen Ehrenamt und geringen Honorarleistungen. Prestige-tr\u00e4chtige Projekte werden hier und da mal mehr gef\u00f6rdert, damit man gute Mine machen kann, doch eine tiefere Auseinandersetzung findet selten statt. Recherche- und Meldestellen sind chronisch Unterbesetzt und Neutralit\u00e4tsgesetze machen den Unterricht zu solchen Themen schwer, falls er denn stattfinden sollte. Wenn es dann wieder irgendwo zu einem \u00dcbergriff kommt, oder \u00fcberraschenderweise auch Antisemiten auf Verschw\u00f6rungs-Demos auftauchen, werden hier und da die Rufe nach Aufkl\u00e4rungsarbeit laut, oder Lichterketten organisiert \u2013 mir ist jedoch kein Fall bekannt, in dem ein Antisemit aufgrund einer Lichterkette von Gewalt abgesehen hat. Doch statt feste Stellen in der Bildungsarbeit zu schaffen und mehr F\u00f6rdergelder herauszugeben, wird der Echo abgeschafft, weil antisemitische Rapper da auftraten. Oder es wird \u00fcber \u201eCancle Culture\u201c debattiert, wenn eine unlustige Kom\u00f6diantin versucht, ihren Antisemitismus in Witzen zu verstecken. Aber all diese Kunst- oder Wasauchimmer-Schaffenden treten weiter auf, k\u00f6nnen sich als Opfer inszenieren, w\u00e4hrend man ihnen die beste kostenlose Werbung ihres Lebens liefert. Scheinbar ist gerade in Deutschland Einbildung auch eine Bildung \u2013 und das eingebildete Frei von Schuld sein wichtiger als alles andere. <\/p>\n\n\n\n<p>Denn es geht wenn dann nur um den Antisemitismus der anderen, nie um den eigenen.<\/p>\n\n\n\n<p>Vor wenigen Tagen \u2013 am 4. Oktober \u2013 wurde vor der Hamburger Synagoge ein j\u00fcdischer Student von einem Mann in Milit\u00e4rklamotten mit einer Schaufel angegriffen. Am selben Tag wurden auf einer linken Demonstration in Frankfurt antisemitische Parolen skandiert. Kurz zuvor wurde ein koscheres Restaurant in Paris mit Hakenkreuzen beschmiert, sowie mit dem Spruch \u201eHitler hatte recht!\u201c. In Berlin wurde die Mesusah (also die Schriftkapsel am Eingang) der Synagoge Tiferet Israel aufgebrochen, und das darin liegende Pergament mit Hakenkreuzen beschmiert. Ein jugendlicher Rechtsradikaler aus Westfalen wurde vor wenigen Tagen verhaftet, weil er Sprengstoffanschl\u00e4ge auf Synagogen und Moscheen geplant hatte. Das sind nur die Vorf\u00e4lle der letzten Woche! Dazu die unz\u00e4hligen Vorf\u00e4lle \u2013 in Wort, Bild und Tat, auf den sogenannten Coronademos und den dazu kursierenden Verschw\u00f6rungsmythen, antisemitische Karikaturen in gro\u00dfen Zeitungen und ein omnipr\u00e4sentes, geradezu obsessives Bed\u00fcrfnis, den j\u00fcdischen Staat kritisieren zu m\u00fcssen \u2013 wobei man allzu gerne Kritik mit Delegitimation verwechselt. Antisemitismus findet nicht irgendwo an irgendeinem Rand der Gesellschaft statt, sondern mittendrin \u2013 in der Nachbarschaft, am Stammtresen, am Arbeitsplatz, in der Schule oder der Uni. Das Gerede von Einzelt\u00e4tern ist ein M\u00e4rchen! Diese Leute sind nicht einfach \u201everwirrte Spinner\u201c, sondern handeln aus einer Ideologie heraus, die tief in unserer Gesellschaft verwurzelt ist bzw. aus der Ideologie der Gesellschaft an sich resultiert! <\/p>\n\n\n\n<p>Als solche MUSS der Antisemitismus verstanden werden, um ihm entgegen arbeiten zu k\u00f6nnen!<\/p>\n\n\n\n<p>Wir werden den Kampf gegen Antisemitismus wohl nicht gewinnen. Es ist utopisch zu denken, dass Bildungsarbeit oder Veranstaltungen wie diese etwas daran \u00e4ndern. Doch wir d\u00fcrfen nicht damit aufh\u00f6ren, und nicht m\u00fcde werden. Daf\u00fcr steht zu viel auf dem Spiel! Wir m\u00fcssen immer und \u00fcberall widersprechen, anprangern und skandalisieren. Und vor allem m\u00fcssen wir endlich begreifen, dass nicht wir alle gemeint sind, sondern nur ein paar \u2013 und die gilt es zu sch\u00fctzen! Doch dies nicht in einem paternalisitsch-bevormundenen Sinne, sondern vor Allem in der Reflexion auf uns selbst, und im Versuch die Verh\u00e4ltnisse zu \u00dcberwinden, aus denen der Antisemitismus hervorgeht!<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" width=\"1024\" height=\"1015\" src=\"https:\/\/agdebate.die-linke.cloud\/wp-content\/uploads\/2021\/06\/121218542_668773930737479_1222144213139956496_n-1024x1015.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-94\" srcset=\"https:\/\/agdebate.die-linke.cloud\/wp-content\/uploads\/2021\/06\/121218542_668773930737479_1222144213139956496_n-1024x1015.jpg 1024w, https:\/\/agdebate.die-linke.cloud\/wp-content\/uploads\/2021\/06\/121218542_668773930737479_1222144213139956496_n-300x297.jpg 300w, https:\/\/agdebate.die-linke.cloud\/wp-content\/uploads\/2021\/06\/121218542_668773930737479_1222144213139956496_n-150x150.jpg 150w, https:\/\/agdebate.die-linke.cloud\/wp-content\/uploads\/2021\/06\/121218542_668773930737479_1222144213139956496_n-768x762.jpg 768w, https:\/\/agdebate.die-linke.cloud\/wp-content\/uploads\/2021\/06\/121218542_668773930737479_1222144213139956496_n-800x793.jpg 800w, https:\/\/agdebate.die-linke.cloud\/wp-content\/uploads\/2021\/06\/121218542_668773930737479_1222144213139956496_n.jpg 1429w\" sizes=\"(max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><\/figure>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>von Benjamin Damm &#8211; AG debate.11. 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