{"id":58,"date":"2020-06-18T17:55:22","date_gmt":"2020-06-18T15:55:22","guid":{"rendered":"https:\/\/agdebate.die-linke.cloud\/?p=58"},"modified":"2020-06-18T18:40:26","modified_gmt":"2020-06-18T16:40:26","slug":"statement-von-fischen-katzen-und-zugezogenen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/agdebate.die-linke.cloud\/?p=58","title":{"rendered":"Statement: Von Fischen, Katzen und Zugezogenen"},"content":{"rendered":"\n<p>Sollte ein so genannter \u201eZugezogener\u201c Oberb\u00fcrgermeister einer Stadt werden d\u00fcrfen oder nicht? Als ob es derzeit keine anderen, relevanteren Probleme g\u00e4be, besch\u00e4ftigte diese Frage Dr. Thomas Feist, Kreisvorsitzender der CDU Leipzig sowie s\u00e4chsischer Landesbeauftragter f\u00fcr J\u00fcdisches Leben und gegen Antisemitismus am vergangenen Sonntag. \u201eWenn eine Katze im Fischladen Junge bekommt, sind das dann Fische?\u201c fragte er im Leipziger Fernsehen am Abend des Zweiten Wahlgangs zur OBM-Wahl in Leipzig.<\/p>\n\n\n\n<p><br>So absurd es erscheinen mag, aber stellen wir uns auch einmal die Frage: braucht man quasi \u201eLeipziger Gene\u201c, muss man die raue Luft der Leipziger Stra\u00dfen schon in der Wiege geatmet, das \u201eLeipziger Allerlei\u201c von klein auf verinnerlicht haben, um ein \u201eguter Oberb\u00fcrgermeister\u201c zu sein? Oder kann man auch als \u201eZugezogener\u201c \u2013 quasi Au\u00dfenseiter, nicht qua Geburt legitimierter \u2013 verstehen was f\u00fcr Leipziger*innen gut ist und was nicht? Kann man \u00fcberhaupt da zuhause sein, wo man sich wohlf\u00fchlt, und sich eben auch dort einbringen? Oder geht das nur da, wo der Zufall die Mutter zum Geb\u00e4ren zwang?<br>Jetzt mal ernsthaft: Ist das wirklich eine Frage, mit der man sich heute besch\u00e4ftigen muss? Ist es wirklich n\u00f6tig zu erkl\u00e4ren, was daran problematisch ist? Offensichtlich, denn auf erste Kritik reagierte Thomas Feist via Twitter mit einem Video, in dem der Komiker Eberhard Cohrs die Frage nach Katze und Fisch stellte, und bezeichnete keck seine Kritiker als \u201eKulturbanausen\u201c. Dass Eberhard Cohrs Angeh\u00f6riger der Waffen-SS war und als SS-Rottenf\u00fchrer zur Wachmannschaft des Konzentrationslagers Sachsenhausen geh\u00f6rte, schien Feist kurzerhand entfallen zu sein. Denn als Beauftragter f\u00fcr J\u00fcdisches Leben war dies hoffentlich nicht die \u201eKultur\u201c von der er sprach.<br>Doch auch dass der Pegida-Gr\u00fcnder Lutz Bachmann im Juli 2016 eben jene Frage nach Fisch und Katze twitterte, um gegen Gefl\u00fcchtete zu hetzen, scheint Thomas Feist nicht zur Revidierung seiner Aussage zu bewegen. Stattdessen pr\u00e4sentiert er sich auf Twitter als Opfer und schreibt: \u201e\u2018Ein Leipziger f\u00fcr Leipzig\u2018 ist etwas anderes als \u201aDeutschland den Deutschen\u2018. Wer beides gleichsetzt unterstellt b\u00f6swillig etwas falsches.\u201c Nein, lieber Herr Feist. Mal davon abgesehen, dass Sie das so nicht gesagt haben, sondern die \u00dcbersetzung der Katzenmetapher eher \u201eLeipzig den Leipzigern\u201c ist; ist lokalpatriotisches Gehabe nichts anderes als (allgemein) patriotisches Gehabe: Die \u00dcberh\u00f6hung der eigenen Gruppe und der eigenen Identit\u00e4t, durch Herabsetzung und Ausgrenzung der \u201eAnderen\u201c. Dies dann auch noch am zuf\u00e4lligen Ort der Geburt festzumachen ist an Bl\u00f6dsinnigkeit kaum zu \u00fcbertreffen. W\u00e4hrend die eigene Partei allerorts mit der AFD auf Kuschelkurs geht noch solche Aussagen, ganz im AFD-Duktus, zu t\u00e4tigen, hinterl\u00e4sst einen \u00fcblen Beigeschmack. Vom Grundverst\u00e4ndnis ist es auch weder besonders christlich noch demokratisch, eine pluralistische Gesellschaft derart zu verneinen \u2013 dann bleibt der CDU nur noch die Union. Hurra Hurra, wir sind wieder wer.<br>Wenn sie das Gedankenexperiment wagen wollen, sich einmal vorzustellen wie Leipzig ohne Einfl\u00fcsse aus anderen St\u00e4dten, anderen Regionen, anderen L\u00e4ndern und Kulturen auss\u00e4he? Dann w\u00e4re es wohl nur bei der Kleinmesse geblieben und Leipzig nie zu einem wirtschaftlichen und kulturellen Hotspot geworden.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir haben bisher die Zusammenarbeit mit Ihnen als Beauftragten f\u00fcr J\u00fcdisches Leben und gegen Antisemitismus als sehr angenehm und fruchtbar empfunden, und h\u00e4tten diese gerne weiter ausgebaut. Jedoch sehen wir uns aufgrund der get\u00e4tigten Aussagen dazu gen\u00f6tigt, erst einmal auf Abstand zu gehen. Wir w\u00fcnschen uns eine ausf\u00fchrliche Stellungnahme Ihrerseits.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"https:\/\/www.l-iz.de\/politik\/leipzig\/2020\/03\/Von-Fischen-Katzen-und-Zugezogenen-319416\">&#8211;> Text in der LIZ<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Sollte ein so genannter \u201eZugezogener\u201c Oberb\u00fcrgermeister einer Stadt werden d\u00fcrfen oder nicht? 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